Mittwoch, 21. Januar 2015

Porträt: Von einem der nie aufgibt Teil 2 - Nach dem Alkohol der Krebs

Bernd Goebel hat es geschafft seine Alkoholkrankheit zu besiegen. Der 49 jährige Familienvater aus dem regnerischen Sauerland nutzte sein Leben seit dem, um anderen zu Helfen. Völlig offen redete er über seine Sucht und machte auf das Thema Alkoholismus - unter anderem durch Suchtpräventionen an Schulen und Firmen - aufmerksam. Die Kraft hierfür schöpfte er durchweg aus seiner positiven und lebensbejahenden Einstellung. Er genoss sein Leben, nachdem er viele Jahre alles nur durch einen Schleier aus Alkohol wahrgenommen hatte. Doch änderte sich im März 2014 sein Leben schlagartig. 

Die Diagnose

In der Nacht vom 14.03 auf den 15.03.2014 kam er mit „unvorstellbaren Rückenschmerzen“ ins Krankenhaus Attendorn. Nach dem Röntgen berichtete ihm der Arzt, dass ein Brustwirbel zerstört sei und sich ein spitzer Knochen direkt vor dem Spinalkanal befinde. Im Anschluss an die darauffolgenden Untersuchungen berichteten ihm die Ärzte, dass sie zusätzlich noch schwarze Schatten an der Wirbelsäule festgestellt hätten. „Es könnte sich hierbei um Metastasen handeln.“, sagte man ihm. Im Tumorzentrum der Uniklinik Essen teilte man ihm dann die Diagnose mit: „Knochenmarkkrebs - Multiples Myelom“. Also Krebs. Und dann noch einen den er nicht mal aussprechen kann.
Bernd war in den ersten Tagen danach sehr niedergeschlagen: „So ein Scheiss, erst der Alkohol, jetzt der Krebs. Warum kann ich nicht mal was Normales bekommen wie z.B. ein Beinbruch? Es muss immer was sein, was um Leben und Tod geht.“ Außerdem litt er an erheblichen Schmerzen, bei denen selbst Morphium nichts mehr nützte. „Aber ich hatte den Alkohol besiegt und von dem blöden Krebs lasse ich mich nicht unterkriegen. Ich begann zu kämpfen und wusste, dass alles gut wird.“ Und so kämpfte er. 
Bevor mit der ersten Chemotherapie begonnen werden konnte, wurde der Bereich um den  Brustwirbel mit einem Gestell aus Titan stabilisiert. Nach dieser schweren Operation und langer Bettruhe, musste Bernd zunächst langsam lernen, sich wieder zu bewegen. „Mit Hilfe von Krankengymnastik klappte es innerhalb von einer Woche, so dass ich in der Karwoche meine erste Chemo bekam“, erklärte Bernd. Es folgten 15 weitere Chemotherapien sowie eine Stammzellentransplantation, die mit eigenen Stammzellen durchgeführt werden konnte.  In den insgesamt 16 Chemos ist die Hochdosis-Chemo enthalten gewesen, die einen normalerweise „aus den Socken haue“, wie Bernd erklärte.
Bernd hatte Glück: „Die Chemotherapie habe ich gut vertragen, obwohl es mir teilweise sehr schlecht ging. Die Horror-Nebenwirkungen, über die ich vorab aufgeklärt wurde, sind zum Glück nicht eingetreten“.

Langeweile und Schlafprobleme 

Krankgeschrieben war Bernd vom 15.03. bis zum 24.11. In der Zeit hat er insgesamt acht Wochen im Krankenhaus gelegen. Die ersten drei Wochen nach der Operation waren hart, da er sich nicht bewegen konnte. Er hatte teilweise sehr starke Schmerzen, die mit Morphium und anderen Schmerzmittel bekämpft wurden. Als er dann aufstehen konnte, „ging es so einigermaßen“. Nachdem er die ersten Chemotherapien bekommen hatte, stellte sich bei ihm eine fast chronische Schlaflosigkeit ein, was u.a. auch an den Kortisontabletten lag, die er nehmen musste. Über Wochen und Monate konnte er nachts nur drei bis vier Stunden geschlafen. Während seines Krankenhausaufenthalts litt er daneben an schrecklicher Langeweile. Sich mit Lesen - wie während des Entzugs - zu beschäftigen, funktionierte nicht. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren und verbrachte seine Zeit mit Fernsehen: „Sendungen wie Shopping Queen etc. kenne ich mittlerweile in- und auswendig.“ 
Nach dem Krankenhausaufenthalt ging es für drei Wochen in die Reha. Er war mit Abstand der Jüngste: „Wenn Omis schon anfangen sich über ihre Rollatoren zu unterhalten, dann spricht das für sich.“
Zwischenzeitlich konnte er mit der beruflichen Wiedereingliderung beginnen. Und Ende November war er wieder voll arbeitsfähig. 
Am 07.11. bekam er die Nachricht: Der Krebs ist nicht mehr nachzuweisen. Die Chemotherapie mit Stammzellentransplantation habe ihn komplett zurückgedrängt. Allerdings wird die Freude über die Nachricht etwas gehemmt. Die Form seines Krebses ist nicht heilbar. Bernd muss also damit rechnen, dass er irgendwann wieder ausbricht.
Während seiner Zeit der Chemotherapie hat Bernd nicht daran gedacht, dass er vielleicht sterben könnte: „Dafür hatte ich keine Zeit und die Kraft brauchte ich für den Kampf gegen den Krebs.“ So verlor er nie seinen Humor und lachte sogar gemeinsam mit anderen Patienten auf der Krebsstation. „Dort herrscht normalerweise immer so eine finstere Stimmung, die an einen an einen Friedhof erinnert“, beobachtete er.
„Ich hatte den absoluten Willen leben zu wollen. Mit meinen 48 Jahren war ich noch nicht am Ende. Ich habe noch viel vor. Das lasse ich mir durch den Krebs nicht vermiesen.“ Neben seiner lebensbejahenden Art, unterstützten ihn seine Familie und seine sehr guten Freunde und gaben ihm in schwachen Momenten den nötigen Halt im Kampf gegen den Krebs. 

Heilung beginnt im Kopf


Bernd ist der festen Überzeugung, dass es für die Bewältigung des Krebses von ausschlaggebender Bedeutung sei, dass er den Alkohol besiegt habe: „Das hat mir sehr geholfen. Das ausschlaggebende Wort ist AKZEPTANZ. Ich habe akzeptiert, dass ich krank bin und muss mich dementsprechend aufstellen.“ Selbstmitleid und die Frage „Warum ausgerechnet Ich“, waren für ihn völlig Fehl am Platz. Für ihn ist klar, dass man alle Kraft in den Heilungsprozess „stecken muss“ und nicht mit negativen Gedanken verschwenden darf.  So folgte er ganz der Meinung seines Chefarztes bei der Visite, der sagte: „70 % des Heilungsprozesses bei Krebs beginnen im Kopf.“ Dem kann Bernd nur zustimmen!